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Jolantes Baum
Der Herbst trennte ihn von seinen Freunden. Niemand von ihnen ging zum Begräbnis des
Alten, auch Frederik nicht, weil ihm ein Abschied zwischen fliegenden Blättern und heuchelnden
Trauergästen nicht lag. Er trauerte auf seine Weise, indem er mit Bella, der Hure, einen
Darjeeling-Abend verbrachte.
Sie, mit blankem Busen, saß kichernd auf Frederiks Knie, ihm den Rücken zugewandt, in der
rechten Hand eine zerbrechliche Tasse, die sie mit abgespreizten Fingern hielt. Ab und zu am
Tee nippend, erinnerte Frederik sie mahnend, den Rücken gerade zu halten, damit er ihren
Oberkörper mit Mullbinden umwickeln konnte. Ob der Alte wohl wirklich sie vor Augen hatte,
ehe er starb, fragte sie Frederik, der sofort lächelnd nickte. Wer würde das nicht.
Der Höhepunkt des Abends war der Moment, in dem er die Scherenspitze über ihren Bauchnabel
ansetzte und sich nach oben durch den Verband schnitt. Frederiks Nasenspitze berührte
irritiert die unversehrte Haut, die wie zu Unrecht nach den Mullfasern roch, doch seine
Lippen und seine Zunge schienen wie losgelöst einen eigenen Weg zu gehen, bis das Schrillen
des Telefons sie zurückführte.
Eine Frau die sich verwählt hatte und ihren Cousin Leon sprechen wollte. Und wie ihr
verlegenes Lachen in Frederiks Ohren klang; leise, zerbrechlich, als wären ihre Stimmbänder
aus Silberfäden. Frederik wäre nicht Frederik gewesen, wenn er diese Stimme einfach
losgelassen hätte und sie drang wie ein kleines Tier in ihn ein, das durch seine Ohrmuschel
den Weg zu seiner Tiefe fand, sich dort wie in einer gemütlichen Höhle einrollte und schlief
und dabei wuchs. Jeden Abend um die gleiche Uhrzeit weckte er es und wunderte sich über die
Anwesenheit seines Lebens.
Am ersten Advent drängte er sie zu einem Treffen und erfuhr zum ersten Mal, wo Jolante wohnte.
Dann würde er eben dort seinen Jahresurlaub verbringen, wie selbstverständlich würden sie
gemeinsam Weihnachten und Silvester feiern. Sie einigten sich auf den 20. Dezember.
Vom ersten Moment an als er aus dem Zug stieg, ergriff ihn eine unsichtbare Hand und führte
ihn aus seinem bisherigen Leben hinaus. Jeder Schritt den er ging, fühlte sich nicht nur gut
an, er war richtig. Die Luft hier war richtig, die Wolken hier waren richtig, dass er hier
unter ihnen atmete, war richtig. Die Hand führte ihn über Feldwege, über Wiesen, über kleine
Brücken, und nirgendwo traf er auf Menschen, als hätte auch hier der Herbst jeden von ihm
weggeweht. Bis er bei Einbruch der Dämmerung vor einem dichten Wald stehen blieb. Warum er ihn
erst jetzt sah, verwunderte ihn nicht, es war richtig so, wie und wo er war, und er ahnte,
dass er Jolante schon ganz nahe gekommen war. Seine Füße trugen ihn in den Wald hinein, als
sollte er sich hier erst reinatmen, ehe er auf Jolante traf. Sämtliche Arme des Waldes zogen
nun die Nacht herein, es wurde dunkel um Frederik und er setzte sich mit dem Rücken an einen
Baum. Die letzten Wochen zogen vor seinen Augen vorbei und aus seinem Gedächtnis hinaus, bis
er gefüllt war mit Jolantes Stimme, die er körperlich fühlte. Sie lag neben ihm, den Kopf auf
ihren Arm gestützt, der andere lag auf seiner Schulter. Für einen Moment waren sie verwachsen,
starr wie eine Statue. Auch das war richtig so.
Am nächsten Morgen tastete seine Hand nach Jolante, bis er begriff, dass neben ihm nur
feuchtes Laub und Moos lag. An seinem Handrücken klebte ein Eichenblatt, das er an seiner
Hose abwischte. Nicht mehr lange, dann würde er sie endlich sehen. Er stand auf, öffnete den
Reißverschluss seiner Hose, um sich am Baum zu erleichtern und nahm nun erst die gewaltige
Eiche wahr, bei der er geschlafen hatte. Ihren Stammdurchmesser schätzte er auf über zwei
Meter, sie besaß noch fast alle ihre Blätter, als würde allein ihre Höhe jedweden Wind
imponieren. Die Rillen in der Rinde ergaben ein Muster, erinnerten ihn an den Panzer einer
Galapagos-Schildkröte, die bröcklige Borke an die Zerbrechlichkeit des Alters. Fasziniert
konnte er seinen Blick nicht abwenden und stellte sich ganz nah an die Eiche heran, sein Bauch
drückte sich an ihren Bauch, seine Finger tasteten vorsichtig in die Adern, seine Nase sog
ihren Geruch auf und wie er sein Ohr an sie presste, durchfuhr ihn ein Kopfschmerz, der ihn
lähmte und seine Augen schloss. Keuchend ging sein Atem, in Krämpfen zuckte sein Gehirn, als
wollte es etwas aus sich heraus drücken und er spürte wie Stromschläge, wenn sich dieses
Etwas zusammenringelte und wieder lang machte. Er wollte die Schmerzen wegtreten, schlug
immer wieder seine Beine und den linken Arm in den Stamm, während sich der rechte weiterhin
in die Adern grub.
"Und sieh mal, als wäre das dort ein Kopf."
"Es sieht so aus, als würde ein Mann …"
"Was?"
"Nun ja, irgendwie wie eine … Umarmung."
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